Im Nachsatz Von den Wenden nähert sich Eleonore Weber dem eigentlichen Zentrum von In den Sätzen: der Frage, was ein Satz überhaupt sein kann. Die Passage beginnt mit einer Erinnerung an einen einzelnen Satz, den die Erzählerin als Jugendliche in einer Bibliothek entdeckt und sich aneignet. Erst viel später erfährt sie dessen Herkunft aus dem Gedicht Überall Jerusalem von Nelly Sachs, seine Bezüge zum Buch Jesaja und seinen historischen Zusammenhang.

Bemerkenswert ist jedoch, dass dieses spätere Wissen die ursprüngliche Erfahrung nicht ersetzt. Die Erzählerin versteht den Satz bereits, bevor sie ihn erklären kann. Genau darin liegt eine zentrale Einsicht des Textes.

„Es war keine Frage des Inhalts, sondern eine Frage des Ortes.“

Verstehen erscheint hier nicht als intellektuelle Leistung, sondern als Wiedererkennen eines Erfahrungsraumes. Die Erzählerin erkennt etwas in dem Satz, weil sie den Ort kennt, von dem er spricht. Nicht den geografischen Ort, sondern einen existenziellen.

Der Satz selbst wird dabei zu einer Art Schlingpflanze:

„Er blieb Schlingpflanze, die nicht aufhören kann, zu klettern.“

Dieses Bild beschreibt präzise Webers Verständnis von Sprache. Sätze gehören niemals vollständig einem einzelnen Text. Sie gehen Verbindungen ein, wachsen weiter, werden angeeignet, missverstanden, weitergetragen und verwandelt. Jeder Satz trägt andere Sätze in sich. Bedeutung entsteht nicht durch Abgrenzung, sondern durch Verknüpfung.

Zugleich zeigt die Passage, dass solche Aneignungen keine willkürlichen Missverständnisse sind. Die Erzählerin löst den Satz aus seinem ursprünglichen Zusammenhang heraus, doch sie tut dies nicht aus Beliebigkeit. Sie erkennt in ihm eine Bewegung:

„Da ist in der Irre Gold versteckt.“

Entscheidend ist dabei nicht die Aussage selbst, sondern die Umkehrung, die der Satz vollzieht. Unten wird oben. Das Ausgeschlossene erhält Bedeutung. Das Verirrte enthält eine Möglichkeit. Das Gold liegt nicht außerhalb der Irre, sondern in ihr verborgen.

Damit schließt die Passage unmittelbar an zentrale Motive des gesamten Buches an. Auch hier geht es um die Suche nach dem Außenseiterischen, dem Übersehenen, dem Noch-Nicht-Eingelösten. Wie im Leo, wie in der Gabe, wie in den Überlegungen zur schwachen Zeit erscheint die Möglichkeit gerade dort, wo die herrschenden Ordnungen sie nicht vermuten.

Der Nachsatz liefert dadurch auch eine Erklärung für die zahlreichen Referenzen des Buches. Die zitierten Stimmen dienen nicht dem Bildungsgestus und nicht dem literarischen Namedropping. Sie bilden vielmehr ein Gewebe von Orten, an denen Erfahrungen miteinander in Kontakt treten. Literatur erscheint als Raum von Beziehungen.

Deshalb endet die Passage mit einer Frage, die man als poetologisches Programm von In den Sätzen lesen kann:

„Ist nicht jedes Verstehen eine Frage des Ortes und ein Satz eine Verständigung über einen Ort?“

Vielleicht liegt darin die eigentliche Leistung dieses Buches. Es zeigt Sätze nicht als Behälter von Bedeutungen, sondern als Orte der Begegnung. Fremde Sätze werden zu eigenen, nicht weil ihr Inhalt übernommen wird, sondern weil sie Erfahrungen berühren, die über Zeiten, Biografien und Texte hinweg miteinander verbunden sind. Literatur wird so zu einem Raum, in dem Verständigung möglich bleibt, ohne dass Unterschiedlichkeit verschwinden muss.