Im Kapitel Mana – Mauss – Mania greift Eleonore Weber die berühmten Überlegungen von Marcel Mauss zur Gabe auf. Doch sie interessiert sich weniger für die ethnologische Theorie als für eine Frage der Gegenwart: Was geschieht mit einer Gesellschaft, die kaum noch über Formen des Gebens verfügen kann, die nicht zugleich Tausch, Nutzen oder Gegenleistung sind?
Der Text beginnt spielerisch. Die Gabe erscheint als ein Kreislauf von Weitergeben, Austauschen und Zirkulieren. Doch sehr schnell wird deutlich, dass es um mehr geht. Das zentrale Problem besteht nicht darin, dass die Gabe verschwunden wäre, sondern dass die Vorstellung davon verloren gegangen ist.
„Wir haben schon lange keine Vorstellung mehr, was das Mana sein kann.“
Dieser Satz steht im Zentrum der Passage. Er verweist auf eine Verarmung der Imagination. Nicht die Dinge fehlen, sondern die Begriffe und Bilder, mit denen sich etwas jenseits von Besitz, Verwertung oder Konkurrenz denken ließe.
Deshalb wird aus der Beschäftigung mit Mauss zugleich eine Reflexion über die Gegenwart. Weber beschreibt eine Welt, in der alles verfügbar, benennbar und verrechenbar werden soll. Nichts darf einfach sein. Alles muss Form annehmen, Objekt werden, Kategorie werden, ökonomisch lesbar werden.
Die Konsequenz beschreibt der Text in einem bemerkenswerten Bild:
„Es herrscht geradezu eine Dürre in den Vorstellungen.“
Knappheit erscheint hier nicht als naturgegebene Tatsache, sondern als Denkform. Wo Knappheit herrscht, entsteht Konkurrenz. Wo Konkurrenz herrscht, werden Beziehungen hierarchisch. Aus dieser Logik entsteht das Bild der Menschen auf den Leitersprossen, obwohl die Erde doch eine Kugel ist.
Der Text verbindet auf elegante Weise Ökonomie, Anthropologie und Poesie. Die Frage nach der Gabe wird zur Frage nach Gemeinschaft. Was kann zwischen Menschen zirkulieren, ohne Ware zu werden? Was kann geteilt werden, ohne verrechnet zu werden? Welche Formen des Gemeinsamen sind noch denkbar?
Damit schließt der Abschnitt an zentrale Motive des gesamten Buches an. Wie die Liebe, das Mitleid oder die Erinnerung bezeichnet auch die Gabe etwas, das sich einer vollständigen Verfügbarkeit entzieht.
Gerade darin liegt die Aktualität dieser Passage. Weber verteidigt nicht eine verlorene Vergangenheit und auch kein romantisches Gemeinschaftsideal. Sie macht auf etwas aufmerksam, das vielleicht noch grundlegender ist: auf die Fähigkeit, sich überhaupt noch vorzustellen, dass Beziehungen anders organisiert sein könnten, als wir es gewohnt sind.
Das Mana steht deshalb weniger für einen ethnologischen Begriff als für die Möglichkeit, sich eine Welt jenseits von Konkurrenz, Knappheit und Verwertbarkeit vorzustellen.
Und genau darin könnte sein utopischer Gehalt liegen.