Was geschieht mit einer Möglichkeit, wenn ihre Zeit vergangen ist? Und was bleibt von einem Leben, wenn es sich nicht mehr als zusammenhängende Geschichte erzählen lässt?
Die beiden Texte aus In den Sätzen kreisen um diese Fragen. Sie misstrauen einer Erzählbarkeit, die erst im Nachhinein entsteht und dem Geschehen dadurch einen Sinn, eine Richtung, eine vermeintliche Notwendigkeit gibt. „Es ist so leicht, die Konsequenz nachträglich zu erzählen“, heißt es in „Tracks“. Mittendrin aber ist sie nicht auffindbar. Wer erzählt, weiß bereits, wie es ausgegangen ist; wer lebt, weiß es nicht. Die Erzählung verwandelt die offene Zukunft in eine abgeschlossene Vergangenheit.
Der Text sucht deshalb nach einer anderen Haltung zur Zeit. „Ich selber weiß auch nicht mehr und sehe gerade einmal den nächsten Satz.“ Das ist nicht nur eine Aussage über das Schreiben, sondern auch über eine Form von Gegenwärtigkeit: Man weiß nicht mehr, als sich gerade zeigt. Der nächste Satz ist noch nicht geschrieben, die nächste Möglichkeit noch nicht entschieden. Schreiben heißt hier, sich einer Zukunft auszusetzen, statt das Vergangene von seinem Ende her zu ordnen.
„Engführung“ nimmt diese Skepsis gegenüber der geschlossenen Geschichte auf, aber es tut dies nicht mehr vorwiegend als Reflexion. Es lässt Spuren entstehen.
„Ich lasse jedes seine Spur anlegen, dass es übereinander liegt.“
Der Satz ist beinahe eine poetologische Anweisung für beide Texte. Nicht alles soll in eine einzige Linie gebracht werden. Die Spuren liegen übereinander, ohne dass sie deshalb dasselbe bedeuten oder sich gegenseitig vollständig erklären. Die Mehrspuraufnahme wird zum Modell einer solchen Anordnung: vier Spuren, drei Instrumente und Stimmen, das Knarren einer Tür auf einem alten Band. Etwas ist noch zu hören, obwohl seine Zeit längst vergangen ist. Der Tonträger hat die Halbwertszeit von dreißig Jahren noch nicht erreicht. Das Vergangene ist nicht einfach weg; es ist als Spur vorhanden, technisch gespeichert und doch dem Verschwinden ausgesetzt.
Die Musik entsteht aus zeitlicher Verschiebung. Das Keyboard beginnt mit einer kleinen, schrägen Melodie, die Gitarre setzt versetzt ein, die Stimme kommt zuletzt. Sie sucht „at random irgendwas“, greift ein Buch aus dem Regal und beginnt mitten in Derek Jarmans Blue. Die Stimme kommt so spät, dass der erste Teil des Stücks zum Intro wird. Nichts scheint im Voraus auf ein gemeinsames Ganzes ausgerichtet. Und doch entsteht etwas: ein musikalischer Zusammenhang, der seine Stimmigkeit gerade nicht einer vollständigen Übereinstimmung verdankt.
Hier berühren sich die Texte auf besonders schöne Weise. In „Tracks“ heißt es über die spielenden Musiker: „Wie alles stimmig wird, wenn alles stimmt.“ Das klingt zunächst wie die Beschreibung einer vollkommenen musikalischen Einheit. „Engführung“ kompliziert diese Vorstellung. Die Stimmen wissen nicht, was die anderen sagen werden; sie betreten nacheinander ihren Raum und „machen so ihr ding“. Die Stimmigkeit entsteht nicht, weil alle dasselbe wissen oder einem gemeinsamen Plan folgen. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von Eigenständigkeit, Verspätung und Abweichung.
Das ist mehr als eine musikalische Beobachtung. Es ist ein Gegenbild zur geschlossenen Erzählung. Eine Spur muss nicht wissen, wohin die anderen führen. Sie muss nicht schon im Voraus ihren Platz in einem Ganzen kennen.
Doch dann tritt in die Musik etwas ein, das sich nicht einfach als eine weitere Spur unter anderen behandeln lässt: Krankheit und Tod. Die aus Jarmans Buch aufgelesenen Verse sprechen von einem Auge, das einen jungen Mann auslöscht, von einer Krankheit, die einen niederwirft, von einer Welt, in der es keine Ein- und Ausgänge mehr gibt. Die Übersetzung springt zwischen Englisch und Deutsch, verschiebt Bedeutungen, lässt die Sprache selbst etwas von der Unterbrechung erfahren, um die es geht. Die fremde Stimme wird zur eigenen, ohne in ihr aufzugehen.
Und mitten darin steht der Satz:
„bei sonnenaufgang schrubbten wir die böden und machten den abwasch“
Er trifft, weil er so wenig nach Ausnahme klingt. Die Böden werden geschrubbt, das Geschirr wird abgewaschen. Das Leben geht in seinen Handgriffen weiter, gerade dort, wo nichts mehr normal ist. Der Text hält diese Gleichzeitigkeit aus, ohne sie aufzulösen: die Katastrophe und die Routine, das Wissen um das Ende und die Fortsetzung des Alltags.
„Das ist seltsam, dass das Alltägliche / in der Ausnahme am meisten trifft.“
Mit diesem Satz verschiebt sich „Engführung“. Bis dahin konnte man das Zusammenspiel der Spuren als ein Modell offener, nicht hierarchischer Ordnung lesen. Nun wird die Wiederholung zur Routine, und die Routine bekommt eine andere Bedeutung. Was zunächst die Eigenzeit des Lebens bewahrt, kann auch brutal werden. Der Alltag läuft weiter, ohne auf das zu reagieren, was geschieht. Er simuliert Normalität, wo keine mehr ist.
Das ist die entscheidende Differenz zwischen dem musikalischen Zusammenspiel und dem gesellschaftlichen Alltag, den der Schluss beschreibt. In der Musik wird das Verspätete hörbar; die Verschiebungen bringen etwas hervor. Im Krankenhaus dagegen kann die Routine das Ungeheure verdecken. Die Böden, die Wäsche und das Geschirr bleiben. Sie bleiben nicht, weil sie einen tieferen Sinn hätten, sondern weil sie weiter verrichtet werden müssen. Und gerade darin liegt ihre Brutalität.
„Es bleiben die seltsamsten Dinge / von einem Leben, / immer die Dinge, die bleiben.“
Der Satz weigert sich, das Bleibende mit dem Wesentlichen gleichzusetzen. Was übrig bleibt, muss nicht das sein, was am meisten bedeutet. Es kann etwas Zufälliges sein, ein Satz, der während einer Aufnahmesession aufgelesen wurde und Jahrzehnte überdauert. Es kann ein Handgriff sein. Eine Spur auf einem Band. Etwas, das niemand als bedeutend ausgewählt hat und das dennoch da ist.
In „Tracks“ wehrt sich das Vergangene dagegen, von der Gegenwart vereinnahmt und nachträglich zu einer abgeschlossenen Geschichte gemacht zu werden. In „Engführung“ bekommt diese Weigerung eine konkrete Gestalt: Die Spuren liegen nebeneinander, überlagern sich, bleiben teilweise unverständlich. Was bleibt, ist nicht unbedingt eine Geschichte, sondern ein Rest, der sich der endgültigen Einordnung entzieht.
Deshalb ist auch der Schluss so hart. Nach der präzisen Beschreibung der Krankenhausroutine stehen da nur noch zwei Sätze:
„Das ‚Da ist doch nichts‘ am Schluss. Das ‚Sei ohne Sorge!‘(Ingeborg Bachmann)“
Das sind keine harmlosen Beruhigungen. Sie benennen eine Form der Gewalt, die darin besteht, eine Erfahrung nicht anzuerkennen. „Da ist doch nichts“ löscht das Geschehen aus, bevor es überhaupt erzählt werden kann. „Sei ohne Sorge!“ verlangt, die eigene Wahrnehmung zugunsten einer behaupteten Normalität aufzugeben. Die geschlossene Geschichte muss dafür gar nicht erst erzählt werden: Es genügt, das Vorhandensein des Problems zu bestreiten.
So betrachtet, handeln beide Texte von der politischen und existenziellen Gewalt der Schließung. In „Tracks“ ist es die Erzählung, die im Nachhinein festlegt, was geschehen ist und was es bedeutet. In „Engführung“ ist es die beschwichtigende Rede, die behauptet, es sei nichts geschehen. Die eine macht aus dem offenen Geschehen eine fertige Geschichte; die andere verweigert dem Geschehen überhaupt den Status eines Ereignisses.
Dagegen setzen die Texte keine alternative, bessere Erzählung. Sie setzen Spuren, Verspätungen, Wiederholungen, abrupte Übergänge. Sie lassen etwas hörbar werden, ohne es restlos aufzuklären. Das ist keine Flucht aus der Geschichte, sondern eine andere Art, dem Vergangenen gerecht zu werden: indem man ihm seine nicht verwirklichten Möglichkeiten nicht nachträglich nimmt und sein Leiden nicht durch Normalität zum Verschwinden bringt.
Die Musik in „Tracks“ und die Mehrspuraufnahme in „Engführung“ sind dabei nicht einfach Symbole für Freiheit. Sie sind konkrete Situationen, in denen Verschiedenes gleichzeitig existieren kann, ohne schon einer abschließenden Erklärung unterworfen zu sein. Aber auch diese Offenheit ist verletzlich. Das Band altert, die Stimmen verstummen, die Spuren verschwinden irgendwann. Dass etwas noch zu hören ist, bedeutet nicht, dass es für immer bleiben wird.
Vielleicht ist das die gemeinsame Bewegung der beiden Texte: Sie versuchen, das Vergangene nicht dadurch zu retten, dass sie es festschreiben, sondern indem sie seine Spuren offenhalten. Sie wissen, dass das nicht genügt, um etwas wiederherzustellen. Aber sie bestehen darauf, dass zwischen dem, was war, und dem, was die Gegenwart daraus macht, ein Abstand bleiben muss. In diesem Abstand liegt die Möglichkeit, dass etwas anders hätte werden können — und die Verpflichtung, nicht zu behaupten, es sei nichts gewesen.