„Leoland“ lässt sich als ein Kapitel über die allmähliche Schließung eines politischen und inneren Außenraums lesen. Was zunächst wie eine Folge von Erinnerungen, Einfällen, kulturgeschichtlichen Abschweifungen und Beobachtungen erscheint, folgt dabei einer präzisen Bewegung: von der Katastrophe über die Möglichkeit des Anderen bis zu dessen Verschwinden. Im Zentrum steht das „Leo“, der sichere Ort aus dem Kinderspiel, der sich im Lauf des Kapitels von einem Spielplatz zu einer politischen Metapher verwandelt.

Schon der Beginn setzt einen politischen Ton. Über dem insolventen Supermarkt und den Plattenbauten geht die Wintersonne auf; die Sonne wird unmittelbar darauf zur Neutronenbombe, die die Kulturgüter verschont und nur die Menschen zerstört. Die Zivilisation bleibt stehen, während die Menschen verschwinden. Es ist ein starkes Bild für eine Welt, in der die kulturellen Formen weiterbestehen können, auch wenn der menschliche Zusammenhang, der sie hervorgebracht hat, zerstört wird. Die Szene mit der Mutter ist dabei keine private Idylle. Die Erzählerin soll von ihr lernen, „was zu tun ist, wenn nichts mehr zu tun ist“. Die Generationen stehen nebeneinander angesichts einer Katastrophe, die größer ist als ihre Handlungsmöglichkeiten.

Von hier aus führt der Text in das Seelenwagen-Projekt, in die nächtlichen Diskussionen über Platon, Apollo 13, Gagarin, die Argonauten und die ägyptische Sonnenbarke. Auf den ersten Blick ist dies ein Abschweifen. Tatsächlich wird hier aber eine der zentralen politischen Vorstellungen des Kapitels entwickelt: die Vorstellung eines Raumes, in dem Denken noch offen ist. Die Erzählerin ist nicht wegen eines bestimmten Themas in diesem Kreis, sondern wegen des Redens selbst, des „Vom-Hundertsten-ins-Tausendste-Kommens“, des Sich-im-Denken-Verlierens. Man muss nirgendwo ankommen. Gerade darin liegt die Freiheit.

Dieser Raum des Gesprächs ist eine Form von Utopie. Nicht, weil hier bereits eine bessere Gesellschaft entworfen würde, sondern weil die Zukunft noch nicht festgelegt ist. Die Menschen können sich gedanklich bewegen, ohne sofort zu einem Ergebnis, einer Position oder einer Verwertbarkeit gelangen zu müssen. Die Diskussion darf ausufern. Sie darf scheitern. Sie darf sich verlieren.

Die Geschichte der Sonnenbarke bringt diesen Gedanken auf eine existenzielle Ebene. „Die Sonnenbarke muss nicht jeden Tag aufgehen.“ Die Wiederkehr des Tages ist nicht selbstverständlich. Selbst der scheinbar sicherste Vorgang – der Wechsel von Nacht zu Tag – enthält die Möglichkeit des Ausbleibens. Damit wird Utopie nicht als Gewissheit beschrieben, sondern als Offenheit. Die Zukunft ist nicht garantiert. Gerade deshalb bleibt sie möglich.

Aus dieser Vorstellung entwickelt sich das „Leo“.

„Leo“ ist im Kinderspiel der sichere Ort. Wer „Leo“ ruft und es berührt, ist für einen Augenblick aus dem Spiel und im Sicheren. Entscheidend ist, dass Leo nicht das bessere Spiel ist. Es ist der Ort außerhalb des Spiels. Daraus entsteht das „Leoleben“, das sich zwar an den Regeln des Spiels orientiert, aber außerhalb des Spielfelds steht. „Leo hieß, die Möglichkeiten im Auge zu behalten, immer ein bisschen im Außen zu sein. In Nichtübereinstimmung.“

Das ist der politische Kern des Kapitels.

Denn eine Gesellschaft braucht einen solchen Außenraum: einen Ort, an dem ihre Regeln nicht die gesamte Wirklichkeit bestimmen. Dieser Ort kann Kunst sein, Denken, Kinderspiel, Freundschaft, Widerspruch, Ironie oder Utopie. Er ist nicht notwendig organisiert und nicht notwendig produktiv. Gerade deshalb ist er politisch. Er ermöglicht, dass das Bestehende nicht mit dem Möglichen verwechselt wird.

Doch das Kapitel zeigt zugleich, dass auch die Utopie selbst gefährdet ist. Das Leo darf nicht selbst zu einem Spiel werden, in dem es nur noch um die Anerkennung seiner eigenen Regeln geht. In dem Moment wird es zum „Leoland“ – zu einem Territorium mit eigenen Grenzen. Aus dem Außen wird ein Staat. Aus der Möglichkeit eines anderen Lebens wird ein System. Aus der Utopie wird eine Ordnung.

Das ist die Ambivalenz des Titels: Leoland bezeichnet nicht einfach das utopische Land. Es bezeichnet bereits dessen Verwandlung in ein Territorium. Ein Außen, das sich selbst befestigt und damit aufhört, Außen zu sein.

Von hier aus lässt sich auch die politische Gegenwart des Kapitels lesen. Wenn von dem „Clown aus einer Soap-Opera“ die Rede ist, der Präsident geworden ist und sein Seifenopernspiel der Welt aufzwingt, erscheint Politik selbst als eine Form der Kinderei – aber als eine Kinderei, deren Konsequenzen nicht spielerisch sind. Die Grenze zwischen Ernst und Spiel hat sich verschoben. Der Text schreibt diese Beobachtung zunächst aus einer Bush-Zeit heraus; im späteren Horizont des Buches gewinnt sie durch die politische Entwicklung bis Trump eine neue Schärfe. Der Präsident als Medienfigur, die Politik als Inszenierung, die öffentliche Wirklichkeit als fortgesetztes Spiel: Das Kapitel beschreibt damit nicht nur eine einzelne politische Figur, sondern eine Veränderung der politischen Wirklichkeit selbst.

Entscheidend ist dabei die Umkehrung: Früher konnte das Spiel ein Ort des Ausstiegs sein. Jetzt wird das Spiel selbst zur gesellschaftlichen Realität. Das Problem besteht nicht mehr darin, dass die Politik zu wenig ernst genommen wird. Im Gegenteil: Eine spielerisch erscheinende politische Welt zwingt ihre eigene Logik immer stärker auf das reale Leben.

Damit wird die Passage über die „Kindereien und Ernst“ zu einem Schlüssel. Der Ernst erweist sich als ebenso haltlos und kindisch wie die Kindereien ernst werden. Die Politik verliert ihre Distanz zur Show, während gleichzeitig das Alltägliche mit einer immer schwereren Bedeutung aufgeladen wird. Selbst der banalste Job verlangt nach einer biografischen Selbstdarstellung, selbst das Nichtssagendste muss behandelt werden, „als ginge es dabei um etwas“.

Hier schließt sich der Kreis zum Leo.

Denn genau das bedeutet die Schließung der Utopie: Es gibt keinen Ort mehr, an dem etwas nicht um etwas gehen muss. Alles muss Bedeutung haben, alles muss sich rechtfertigen, alles muss eine Position, eine Funktion, einen Wert besitzen. Der Raum des zwecklosen Denkens wird enger. Der Raum des Spiels wird enger. Der Raum der Nichtübereinstimmung wird enger.

„Für das Leo blieb kein Raum mehr.“

Dieser Satz ist vielleicht der politische Mittelpunkt des Kapitels. Bemerkenswert ist, dass der Verlust nicht mit einem einzelnen Ereignis datiert werden kann. „Es ist davon auszugehen, dass es zwischen 2000 und 2018 geschehen ist.“ Der Untergang des Außenraums erscheint wie ein historischer Prozess, dessen Anfang und Ende sich nicht genau bestimmen lassen. Es handelt sich nicht um eine plötzliche Abschaffung der Utopie, sondern um die schrittweise Vernichtung ihrer Räume: der Weiten, der Felder, der Prärien, des Roggens.

Die politische Entwicklung wird dadurch als eine Geschichte der Verengung erzählt.

„Seitdem können wir uns vom Spiel überall fangen lassen. Auch in uns selbst.“

Das ist mehr als eine Beschreibung gesellschaftlicher Kontrolle. Das Spiel ist inzwischen verinnerlicht. Es muss niemand mehr ständig von außen sagen, dass man mitmachen muss. Die Regeln werden in den Einzelnen getragen. Man versucht selbst, irgendwo unterzukommen, unter die Decke, in Deckung. Der gesellschaftliche Raum wird nicht nur kleiner; er wird im Menschen selbst kleiner.

Darum ist „Leoland“ letztlich kein nostalgischer Text. Er behauptet nicht, dass es früher eine heile Welt gegeben habe. Auch das alte Leo war widersprüchlich. Das Seelenwagen-Projekt reproduzierte Ausschlüsse; das Leo konnte selbst zum Leoland werden. Die Utopie war nie vollkommen. Aber es gab Räume, in denen ihre Möglichkeit bestand.

Was verloren geht, ist nicht das Paradies.

Verloren geht die Möglichkeit, sich vorzustellen, dass die geltenden Verhältnisse nicht die einzigen möglichen Verhältnisse sind.

Das ist die eigentliche politische Tragödie des Kapitels.

Und deshalb ist der letzte Satz so wichtig. Nach all den Überlegungen, nach der Katastrophe, nach der Geschichte des verschwundenen Außenraums, nach der Feststellung, dass „die Luft Luftpack“ geworden ist, öffnet sich die gelbe Zelthaut.

„Ich trat hinaus.“

Mehr geschieht zunächst nicht.

Aber genau darin liegt die Bedeutung dieses Schlusses. Das Kapitel endet nicht mit der Wiederherstellung des Leo. Es behauptet nicht, dass die Utopie zurückgewonnen sei. Es gibt keinen neuen sicheren Ort, kein neues Territorium. Es gibt nur den Schritt nach draußen.

Vielleicht ist das die letzte Form von Utopie, die dem Text geblieben ist: nicht die Errichtung eines besseren Landes, sondern die Weigerung, das Bestehende als das Ganze anzuerkennen.

Leo ist dann kein Ort mehr.

Leo ist eine Bewegung nach draußen.

Und „Leoland“ bezeichnet den Moment, in dem selbst diese Bewegung bedroht ist.

(c) Petra Panther