Schreiben in der gerissenen Gegenwart (Klappentext)

Dieses Buch spricht nicht über Sprache.
Es spricht in ihr, gegen sie oder durch sie hindurch.

Schon der titelgebende Satz – „und wir sind sie“ – ist keine Behauptung, sondern eine Verwerfung. Er setzt kein stabiles Verhältnis, sondern kippt es. Wer sind wir? Wer sind sie? Der Satz weigert sich, diese Opposition zu ordnen. Er wiederholt sich im Gedicht wie ein Mantra und wird dabei immer poröser:
„und wir sind sie / aus der Zeit geschüttet / aus dem Anthropozän / geschuppt, gefiedert“.
Das Wir ist hier nicht humanistisch gefasst, sondern posthuman, verletzlich, durchzogen von Tierischem, Zeitlichem, Sterblichem. Dieses Schreiben bringt das Subjekt zurück in ein Geflecht von Leben, Geschichte und Endlichkeit – ein notwendiger Gegenentwurf zu einem politischen Diskurs, der das Wir gern als homogene Masse behauptet.

Die Gedichte stehen nie allein. Sie werden begleitet, gespiegelt, gestört von theoretischen Texten, die selbst poetisch arbeiten. Theorie erklärt hier nicht – sie erkundet. Wenn es etwa heißt, Sprache sei ein Ort, „in dem Bedeutungen kippen, Macht sich einschreibt, Begehren verschoben wird“, dann ist das keine metasprachliche Beruhigung, sondern eine Kampfansage an jede Vorstellung von neutralem Sprechen. Dieses Buch nimmt ernst, dass Sprache ein Schauplatz ist – und schreibt genau dort.

Besonders eindrücklich ist die Rückschreibung der Medusa.
„die sie behalten können“, heißt es über die „falsche Geschichte“, die ihr zugeschrieben wurde. Dieser eine Satz entzieht dem Patriarchat sein Narrativ, ohne es ersetzen zu wollen. Medusa spricht nicht als neue Identität, sondern als Vielheit:
„so bereit, zu teilen / das Unbestimmte, / die vielen, / deren Zorn nie erzählt wird“.
Hier wird deutlich, was diese Schreibweise heute leistet: Sie macht hörbar, dass es immer viele sind – und dass Zorn, Erinnerung und Körperwissen nicht in lineare Erzählungen passen.

Warum also so schreiben?

Weil glatte Sprache verdächtig geworden ist.
Weil Erklärungen sich zu schnell schließen.
Weil politische Rede sich wiederholt, ohne sich zu erinnern.

Im Gedicht „The Ship of the Oval“ wird das exemplarisch sichtbar. Der Satz wird einfach noch einmal gesagt – „without blinking, / repeated the sentence“. Lüge entsteht hier nicht bloß durch die Verfälschung des Inhalts, sondern durch Insistenz. Dagegen setzt das Gedicht einen leisen, aber radikalen Vers:
„for the truth / lies within / as the lies / lie outside“.
Wahrheit wird nicht als Fakt behauptet, sondern als innere Spannung, als Unruhe, als etwas, das sich der öffentlichen Zurschaustellung entzieht. Diese Schreibweise widersetzt sich der Logik des Spektakels, indem sie die Aufmerksamkeit nach innen verschiebt – ins Subjekt, in den Klang, in die Wahrnehmung.

Auch dort, wo Geschichte ins Spiel kommt, geschieht das nicht dokumentarisch, sondern körperlich.
In „Drohnen über dem Ballhausplatz“ heißt es:
„Die Geschichte ist ein Geländewagen, / rollt durch Leben, / drückt sie platt“.
Das ist kein historischer Vergleich, sondern eine Erfahrung. Geschichte wird hier nicht erinnert, sondern erlitten. Strukturelle Gewalt erscheint als etwas, das wiederkehrt, das von oben blickt, überwacht, vereinfacht. Das Gedicht antwortet darauf nicht mit Analyse, sondern mit genealogischem Sprechen: Mutter, Vater, Kind – Stimmen, die sich durch die Zeit hindurch antworten. So wird Erinnerung selbst zu einer politischen Praxis.

Diese Schreibweise bringt Theorie zurück in den Körper.
Das zeigt sich besonders deutlich im Lacan-Gedicht „Diskurs des Hysterikers“:
„nie / eine Antwort, / die genügt“.
Das Subjekt fragt, bohrt, schlägt Löcher in das große Andere. Schreiben wird hier nicht zur Vermittlung von Wissen, sondern zur Bewegung des Begehrens und zum Widerstand. Genau das macht es gegenwärtig: In einer Zeit der fertigen Meinungen besteht dieses Buch auf dem Nicht-Genügen.

Darum bevölkern Tiere den Text. Hunde, Krähen, Pferde, Bären.
Sie sind keine Metaphern im klassischen Sinn, sondern Schwellenfiguren. Wenn es heißt:
„all your lives in mine / all compassionate, all encompassing“,
dann ist das kein sentimentales Bild, sondern ein radikales Angebot von Beziehung: Leben ineinander zu denken, ohne Hierarchie. Das Menschliche erscheint nicht als Maß aller Dinge, sondern als eine fragile Form unter anderen.

Diese Art zu schreiben widersetzt sich der Simulation.
Sie besteht auf Rhythmus, Klang, Atem.
Sie arbeitet mit Brüchen, Wiederholungen, Überlagerungen, weil genau dort das Reale spürbar wird – „das, woran man sich stößt“, um Lacan mitzudenken, ohne ihn erklären zu müssen.

Und wir sind sie will nicht beruhigen.
Es will offenhalten.