Diese Passage zeigt, wie Kunst in In den Sätzen funktioniert.

Es geht hier auffällig wenig um Kunstgeschichte. Die Namen sind da, die Werke sind da, die Museumsführung ist da, aber eigentlich erzählt Weber etwas anderes: wie ein Kunstwerk plötzlich etwas Persönliches freisetzt, das gar nicht im Bild selbst liegt.

Zunächst scheint die Erzählerin einfach durch das Museum zu gehen. Sie beobachtet die Besucher, die Securities, die Kunstwerke. Es gibt den üblichen Kunstbetrieb, die Führung, die Namen: Léger, Franz Marc, Baselitz, Bacon, Warhol, Niki de Saint Phalle.

Dann geschieht etwas Typisches für Weber.

Die Kunst bleibt nicht Kunst.

Ein Bild führt nicht zu einer Interpretation, sondern zu einer Erinnerung.

Das Rot des Gemäldes ruft die demente Frau zurück, die nach dem „Roten“ sucht:

„der Paradeiser,
den ich weggeworfen habe, die angebissene Frucht,
die doch die Säule ihres Universums war.“

Plötzlich steht nicht mehr das Museum im Mittelpunkt, sondern die Frage nach Wahrnehmung, Verlust und Bedeutung.

Was für die Erzählerin Müll war, war für die alte Frau der Mittelpunkt einer Welt.

Das ist ein ungeheuer starker Gedanke.

Denn genau hier verschiebt sich die Funktion der Kunst. Kunst stellt die Welt nicht dar, sondern macht sichtbar, dass verschiedene Welten gleichzeitig existieren.

Deshalb antwortet die Erzählerin:

„Keine Angst“, sage ich, „das ist Kunst.
Es sieht hier nur so aus.“

Und die alte Frau antwortet gewissermaßen:

„Es geht um ihre Existenz, sagt sie, das Leben.“

Das ist vielleicht die zentrale Spannung der Passage.

Die Kunst möchte den Schmerz in Darstellung verwandeln.

Die Erinnerung weigert sich.

Sie besteht darauf, dass es um etwas Reales geht.

Interessant ist auch, dass das Rot der Ausstellung die Erinnerung hervorruft. Farbe wird hier zu einem Auslöser von Bedeutung. Ähnlich wie in anderen Abschnitten ein Satz, ein Lied oder ein Text einen ganzen Erfahrungsraum öffnet.

Am Ende erscheint dann der Stör.

Die Passage kippt plötzlich ins Sprachspiel:

Acipenseridae
anadrome Wanderfische
Sterlets
Starlets
See-Stör

Fast wirkt es wie ein Widerstand gegen Sinnbildung.

Und doch endet sie mit einem großartigen Satz:

„Obwohl der Stör am Grund von allen Sätzen schwimmt.“

Das könnte man beinahe als poetologisches Programm lesen.

Der Stör ist das Störende.

Das Nicht-Einordenbare.

Der Fremdkörper.

Das, was man nicht ganz in Bedeutung auflösen kann.

Wie der Riss bei Trakl. Wie das Mana bei Mauss. Wie das Leo. Wie die schwache Zeit.

Immer gibt es etwas, das am Grund der Sprache schwimmt und sich der vollständigen Verfügbarkeit entzieht.

Deshalb würde ich diese Passage als einen Schlüsseltext zur Kunst in In den Sätzen lesen:

Kunst ist hier weder Dekoration noch Interpretation. Sie ist ein Auslöser. Ein Resonanzraum. Ein Ort, an dem eine persönliche Erinnerung, eine gesellschaftliche Erfahrung und ein Kunstwerk miteinander in Berührung geraten.

Und vielleicht ist das der schönste Satz des Abschnitts:

„Es geht um ihre Existenz, sagt sie, das Leben.“

Damit wird jede ästhetische Betrachtung plötzlich auf ihren existenziellen Kern zurückgeführt. Die Kunst darf Kunst sein. Aber sie bleibt mit dem Leben verbunden. Immer.